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Schimpfkolumne Mitcamper Zum Thema Laktoseintoleranz

Mitcamper-Kolumne: Laktoseintoleranz und andere Handicaps

Anahita ist leidenschaftliche Camperin. Mit Van, Partner und Rollstuhl geht sie in Deutschland und den europäischen Nachbarländern auf Entdeckungstour. In dieser Kolumne schildert sie ihre Erfahrungen, Beobachtungen und Erlebnisse rund um das Reisen mit Handicap – mal nachdenklich, mal humorvoll, und immer mit vielen persönlichen Einblicken verbunden. Viel Spaß beim Lesen und Bühne frei für Anahita!

Nachdem ich in meinen letzten beiden Kolumnen meine wunderbaren Mitcamper:innen über den grünen Klee gelobt habe, sollen heute mal all die anderen im Mittelpunkt stehen.

Heute muss ich einfach mal schimpfen! Es muss einfach raus. Gleichzeitig bitte ich alle diejenigen um Entschuldigung, die sich auf den Schlips getreten fühlen. Mir ist durchaus bewusst, dass das Meiste nur gut gemeint ist und diese ganze Handicap-Sache für manch eine oder einen ein Minenfeld ist.  Aber bitte sagt nicht immer sofort alles, was Euch in den Kopf schießt. Bitte versucht erst mal, Euch in mich oder die andere/den anderen hineinzuversetzen. Das ist übrigens allgemein im Leben recht sinnvoll.

Zwar ist mir nicht alles, was ich in dieser Kolumne und den nächsten Schimpf-Kolumnen erzähle, auf Campingplätzen passiert. Es hätte aber sehr gut auf Campingplätzen passieren können, und es kann künftig auch noch sehr gut auf Campingplätzen passieren. Deshalb, liebe Mitcamper:innen, die Ihr es nur gut meint: bitte jetzt gut zuhören! Damit Ihr die Fettnäpfchen-Gefahr direkt erkennen könnt, bette ich meine Schilderungen jeweils in ein Camping-spezifisches Setting. Am Ende habt Ihr dann einen kleinen Knigge für den Umgang mit Menschen mit Handicap auf Campingplätzen und andernorts.

Als ich an einem lauen Sommerabend mit unserem schmutzigen Geschirr vom Abendessen am Spülbecken eines italienischen Campingplatzes ankam, stand dort schon unsere Platz-Nachbarin Trine*, die mir gutmütig entgegenlächelte. „Ach, Anahita. Hallo! Du, ich muss Dir jetzt unbedingt mal was sagen.“, sagte sie. „Ich beobachte Dich schon die ganze Zeit. Ich bewundere Dich richtig. Wie Du das hier alles machst. Toll, dass Du Dich traust, Campingurlaub zu machen. Dabei hast Du es doch so schwer. Das muss schrecklich sein, wenn man so vieles nicht machen kann, was man gerne machen möchte. Und trotzdem bist Du immer so lebenslustig.“

Ich versuchte, mich auf den Abwasch zu konzentrieren. „Ich kann das so gut nachvollziehen, wie das ist, wenn man nicht so kann wie man will.“, fuhr Trine fort. „Ich zum Beispiel hatte vor ein paar Jahren von einem Tag auf den anderen plötzliche eine Laktoseintoleranz und konnte keine Milch mehr vertragen. Das war so schlimm für mich. Ich liebe doch Müsli.“

Pause.

Ich sagte Trine, dass mir das sehr leid tue und fragte sie, wie sie mittlerweile mit diesem Schicksalsschlag umgehen würde.

„Das ist zum Glück nach zwei Wochen wieder weggegangen. Aber da hat es einfach Klick bei mir gemacht. Ich weiß jetzt sehr genau, wie Menschen wie Du sich fühlen.“, sagte Trine.

Pause.

„Puh. Da hast Du aber Glück gehabt.“, sagte ich, packte meine unachtsam gespülten Teller zusammen und rollerte von dannen.

Gern erkläre ich kurz, warum Trines Ansprache ein ganz klares Don`t ist.

Erstens: Ich möchte bitte nicht dafür bewundert werden, dass ich lebe. Gern werde ich dafür bewundert, wie gut ich Italienisch spreche oder wie souverän ich mittlerweile mit meinem neuen Rollstuhl mit elektrischem Zusatzantrieb durch die Gegend fahre. Sehr gern darf man mir auch seine Bewunderung dafür aussprechen, dass ich vor ein paar Jahren meinen Tauchschein gemacht habe oder dass ich mich getraut habe, in diesem eiskalten See zu schwimmen.

Bitte bewundert mich aber doch nicht für etwas, was alle anderen auch machen. Bitte bewundert mich vor allem nicht dafür, dass ich es trotz meines Handicaps mache. Das führt mir erst recht vor Augen, dass ich eines habe. Dass wahrscheinlich das meiste für mich irgendwie körperlich anstrengender ist als für Menschen ohne Rollstuhl, ist doch klar. Daran muss man mich nicht permanent erinnern. Ich will auch nicht nur deshalb gesehen werden, weil ich „trotz Rolli“ campe oder „trotz Rolli“ im See schwimme. Schaut mich doch einfach an, weil ich schöne Augen oder lange Beine habe. Oder sprecht mich an, weil Ihr meine letzte Kolumne gelesen und geschmunzelt habt. Oder, weil Euch mein Artikel über das Campen mit Handicap berührt hat.

Denn dafür, dass ich mein Leben irgendwie lebe mit den Karten, die mir das Schicksal in die Hand gedrückt hat, brauche ich keine Bewunderung. Das macht Ihr doch auch alle. Jede und jeder auf seine Weise. Jede und jeder hat irgendein Päckchen. Und für jede und jeden ist das eigene Päckchen schwer. Aber bitte bewundert mich nicht dafür, dass ich mein Päckchen meist mit einem Lächeln trage. Damit macht Ihr mich klein und Euch groß.

Und zweitens: sagt mir bitte nicht, dass Ihr nachvollziehen könnt, wie ich mich fühle. Ich vermute nämlich, dass Ihr es nicht wisst. Genauso wenig wie ich weiß, wie Ihr Euch fühlt.

Liebe Mitcamper:innen, bitte fühlt Euch jetzt nicht vor den Kopf gestoßen. Ich weiß, dass Ihr es alle gut meint. Ich befürchte, dass ich selbst manchmal Sachen zu meinen Mitmenschen sage, die gut gemeint, aber eben trotzdem nicht gut sind.

Was haltet Ihr davon, wenn wir – sollten wir uns mal irgendwo treffen, erst einmal ganz normal ins Gespräch kommen? Es gibt so viele Themen. Über gute Tipps für Wanderungen oder andere Campingplätze freue ich mich immer. Und wenn es sich dann ergibt, können wir ja mal einen Schlenker zu meinem „Handicapchen“ machen.

Einverstanden?

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Fotos: (c) Anahita

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